Die Lehre von der Erwählung
„Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du
bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.“ Ps 25,5
1. Spricht die Bibel davon, dass Gott erwählt?
Das Wort Gottes redet an vielen Stellen, sowohl im AT
als auch im NT, von dem erwählenden Handeln Gottes. Wir lesen, dass
Gott für Israel einen bestimmten Ort zur Anbetung und zur Darbringung
von Opfern erwählte (5.Mose 16,6;26,2). Dieser Ort ist identisch mit
Jerusalem, der Stadt, die Gott erwählt hat (1.Kön 11,13; 2.Chr 6,34).
Gottes Erwählungsakt bezieht sich jedoch in der Hauptsache auf
Menschen. Er erwählte den Stamm Levi (5.Mose 18,5; 1.Sam 2,27f). Gott
erwählte Saul und David (1.Sam 10,24; 2.Sam 6,21), und er erwählte das
Volk Israel (5.Mose 4,37 + 7,7+8), wobei Jakob und Abraham als
Vertreter des Volkes gelten (Jes 41,8f).
Im NT wird die Gemeinde Jesu insgesamt, und in ihr jeder einzelne
Gläubige als auserwählt bezeichnet (1.Petr 2,9; 1.Petr 5,13; Kol 3,12;
Röm 16,13).
Der Grundsatz der Gnadenwahl Gottes zieht sich wie ein roter Faden
durch die ganze Hl. Schrift Alten und Neuen Testaments..
2. Lehrt die Bibel eine Erwählung zum Heil / ewigen
Leben?
Wenn die Schrift von der Erwählung spricht, so tut sie
das in der Regel im Zusammenhang mit einem bestimmten Zweck oder
Auftrag. So wurde beispielsweise Levi zum Priestertum, und Saul und
David wurden zu Königen erwählt. Die Gemeinde Jesu ist dazu erwählt,
die Wohltaten Gottes zu verkündigen und Gott Frucht zu bringen (1.Petr
2,9; Joh 15,16).
Die Bibel lehrt jedoch nicht nur die Erwählung zu einem bestimmten
Verhalten oder Dienst, sondern ebenso eine Erwählung zum ewigen Heil
(Röm 8,33; 2.Thess 2,13).
3. Unter welchen Bedingungen erwählt Gott einen Menschen?
Das erwählende Handeln Gottes ist bedingungslos. Er
erwählt einen Menschen nicht, weil dieser irgendetwas Gott
Wohlgefälliges (Charakter, Werke, Abstammung) vorzuweisen hätte. Sein
Beweggrund ist seine Liebe (5.Mose 10,15) und seine Gnade für Sünder,
denn Gott erwählt in Christus, und zwar vor Grundlegung der Welt (Eph
1,4). Es geht dabei nicht um einen qualtitativen Vorzug des Erwählten,
sondern um das freie Gnadenhandeln Gottes (Röm 9,11+12.15+16; die
Partizipialform bachir, die im AT für Israel als erwähltes Gottesvolk
gebraucht wird, unterstützt diesen Gedanken).
4. Ist nicht der Glaube, der die Gnade Gottes in
Christus ergreift, eine Voraussetzung für Gottes Erwählung?
Diejenigen, die die Meinung vertreten, Gott habe den
Glauben von Menschen vorausgesehen und sie darum erwählt, gehen davon
aus, dass der Glaube an das Erlösungswerk Christi ganz oder teilweise
im Vermögen des Menschen liege. Der Mensch hätte demnach von Natur aus
eine von Gott gegebene, vom Sündenfall nicht verdorbene Anlage, die für
das Reich Gottes geeignet wäre. Sie unterscheiden nicht den bibl.
Glauben von einem Glauben an irgendwelche Inhalte, zu dem alle Menschen
fähig sind. Sie behaupten, jeder Mensch könne an das Evangelium
glauben, wenn er nur wolle. Damit widersprechen sie der Lehre der Hl.
Schrift von der völligen Sündhaftigkeit des menschlichen Herzens. Das
Herz des Menschen ist in den Dingen, die Gott und sein Reich betreffen,
weder gewillt, noch in der Lage, im bibl. Sinne zu glauben. Allen
religiösen Kundgebungen, die aus der Natur des Menschen stammen, liegt
ein Verdienstdenken und damit Hochmut zugrunde. In seinen Neigungen und
seinem Wollen ist er ein Feind Gottes (Röm 8,7). Das Wesen der Liebe
und Gnade Gottes in Christus Jesus ist ihm völlig fremd. Darum kann
auch die Annahme des vollbrachten Heils in Christus unmöglich ein
Willensakt des „natürlichen“ Menschen sein (1. Kor 2,14; Joh 3,6), wie
auch Luther im kleinen Katechismus schreibt: „Ich glaube, dass ich
nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn,
glauben oder zu ihm kommen kann“. Auf uns selbst gestellt haben wir
nichts, was für Gott annehmbar ist und ihn ehrt. Der Heilsglaube hat
seinen Ursprung in Christus und seinem vollbrachten Erlösungswerk.
Jesus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr12,2). Christus
selbst ist unser Glaube und auch unser Wille, der auf Gott ausgerichtet
ist. Der Glaube an Christus ist ganz und gar das Werk Gottes. Er ist
die Kraft, die Christus von den Toten auferweckt und erhöht hat (Eph 1,
19-21) und von daher der Sieg, der die Welt überwunden hat (1. Joh 5,4).
Somit sind der Glaube an Christus und der Wille, der sich ihm
vertrauensvoll zuwendet, nicht eine im Menschen begründete
Voraussetzung für die Erwählung, sondern als Folge derselben ein Werk
des Hl. Geistes auf der Grundlage der Erlösung, die in Jesus Christus
geschehen ist. Die Tatsache, dass in der Bibel nur Menschen als
Erwählte bezeichnet werden, nachdem sie zum Glauben gekommen sind, hat
seinen Grund darin, dass sich in der Annahme des Wortes Gottes, also in
ihrem Glauben, ihre Erwählung auswirkt, und sie durch ein geheiligtes
Leben festgemacht wird (1.Thess 1,4-7; Joh 8,47; 2.Petr. 1,10). Es gilt
also festzuhalten: Wir sind nicht erwählt, weil wir glauben, sondern
wir glauben, weil wir aus Gnaden in Christus erwählt sind.
5. Wie kann Gott vom Menschen etwas erwarten (nämlich
Buße zu tun und an das Evangelium zu Glauben), wenn der Mensch dazu gar
nicht in der Lage ist?
Der Mensch soll unter dem Anspruch Gottes seine
Sündhaftigkeit und sein Unvermögen erkennen. Als ein elender Sünder,
der zu allem, was Gott wohl gefällt, unfähig ist, darf er zu Christus
kommen, um in seinem Stellvertreter alles (auch Buße und Glauben) zu
finden, was er in seiner gefallenen Natur nicht hat (vgl. Röm
3,10-12.20).
6. Wer gehört zu den Erwählten bzw. woher weiß ich, ob
ich erwählt bin?
Die Bibel spricht vom „Glauben der Auserwählten Gottes“
(Tit 1,1). Jeder, der zu Jesus kommt und von Herzen glaubt, dass er als
Gottloser allein aus Gnade durch das Erlösungswerk Christi vor Gott
gerecht ist (Röm 11,6;3,24;4,5), darf sich in froher Heilsgewissheit zu
den in Christus Erwählten rechnen, die Gott zur Vollendung bringen
wird. Gewissheit über seine Erwählung erhält man nur durch den
Glaubensblick auf Jesus Christus, den Gekreuzigten (Jes 45,22;Joh
6,37-40). Das bewahrt uns sowohl vor Unsicherheit als auch vor
selbstsicherem und arrogantem Wesen.
7. Ist die Erwählungslehre nicht ein Hindernis für die
Evangelisation?
Wie könnte das sein, da doch beides in der Bibel
gelehrt wird, sowohl die Erwählung in Christus vor Grundlegung der Welt
als auch die Verantwortung der Gemeinde, das Evangelium zu bezeugen,
und zwar allen Menschen. Einige der größten Missionare, Evangelisten
und Erweckungsprediger vertraten die biblische Erwählungslehre. Die
allumfassende Liebe Gottes, „welcher will, dass allen Menschen geholfen
werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1.Tim 2,4), und sein
verborgener Erwählungsratschluss schließen einander nicht aus. Nur
unsere von Sünde verfinsterte Vernunft sieht hierin einen Widerspruch.
8. Warum wird die biblische Erwählungslehre von vielen
Gläubigen abgelehnt?
Wie das Wort vom Kreuz (1.Kor 1,18.23) so ist auch die
Erwählungslehre für den „natürlichen“ Menschen (1.Kor 2,14) ein
Ärgernis und eine Torheit. Auch der Gläubige ist in der Beurteilung
biblischer Wahrheiten nicht immer ganz frei von seinem „natürlichen“
Empfinden und Denken. Nur so ist es zu erklären, dass viele in der
Gemeinde Jesu an dieser so froh machenden Wahrheit von der Erwählung
Anstoß nehmen. Der Mensch empfindet das erwählende Handeln Gottes als
ungerecht (Röm 9,14) und sein angeborener Stolz wehrt sich gegen den
souveränen Willen Gottes (Röm 9,18-20).
In seinem autonomen Denken hasst er es, nicht über sein ewiges Heil
verfügen zu können. Vielmehr möchte er sein angemaßtes
Selbstbestimmungsrecht wahren. Außerdem will sich die menschliche Logik
nicht mit der Spannung zwischen Erwählung bzw. Souveränitat Gottes und
menschlicher Verantwortung abfinden (Apg 13,46; 1. Mose 45,5-8).
9. Warum ist die Lehre von der Erwählung für die
Gemeinde Jesu so wichtig?
Sie erkennt die biblische Lehre von der völligen
Verderbtheit der menschlichen Natur an, die mit Christus gekreuzigt
ist, und bewahrt uns vor dem Wahn, als habe der Mensch noch etwas Gott
Wohlgefälliges in sich selbst und nicht alles in Christus. Somit steht
sie allem religiösen Wesen des Menschen entgegen (Röm 7,14; Eph 2,1;
Gal 2,19f).
Sie demütigt den stolzen Sinn des Menschen (Röm 9,20).
Sie besagt, dass unser ewiges Heil seinen Ursprung allein im
Liebesratschluss Gottes und in der freien Gnadenwahl Gottes in Christus
Jesus und nicht im Menschen hat. Darum lenkt sie unseren Blick weg von
uns selbst, hin auf ihn und sein vollbrachtes Erlösungswerk und bewahrt
uns gleichzeitig vor dem unseligen Richtgeist (Eph 1,4; 1. Kor 4,7).
Sie gibt Gott allein alle Ehre. Unser Ruhm ist ausgeschlossen (Röm
3,27). Denn sie gesteht im Werk der Erlösung Gott allein die Macht zu
(Ps 62,12).
Sie stärkt die Heilsgewißheit des Gläubigen und ist besonders in Zeiten
der Anfechtung und Verfolgung ein großer Trost für die Gläubigen. Denn,
wen Gott erwählt hat, den bewahrt er bis zum Ziel ewiger Herrlichkeit.
(Röm 8,28-30.38f;11,2; Offb 17,14).
Sie bewegt uns zu einem Leben in der Heiligung (1.Petr 1,1f), denn
Dankbarkeit, Liebe und Freude sind der beste Beweggrund für ein Leben
zur Ehre Gottes.
Sie ermutigt uns zum Zeugnis von Christus, indem sie uns damit rechnen
lässt, dass unser „Werk in dem Herrn nicht vergeblich ist“ (1.Kor
15,58). Wir dürfen für jeden Menschen Hoffnung haben.
Sie macht uns überaus froh darüber, dass niemand und nichts in dieser
Welt die Ausführung des ewigen Heilsratschlusses Gottes verhindern
kann. Sie unterscheidet dabei den offenbaren Willen Gottes, dem der
Mensch widerstehen kann (Luk 7,30; Mt 23,37; Apg 13,46), von dem
verborgenen unwiderstehlichen Ratschluss Gottes (Jes 14,27; Eph 1,11
und Jes 46,10).
Sie tröstet uns, wenn wir angefochten sind, weil wir im Zeugnis der
Welt gegenüber oft versagt haben. Gott ist in der Ausübung seines
Werkes nicht von uns abhängig (vgl. dazu Est 4,14).
Abschließende Bemerkungen
Das Thema „Erwählung“ berührt den Kern des Evangeliums.
Es geht um die Frage, ob das ewige Heil des Menschen allein in Gottes
Hand oder (wenn auch nur teilweise) in der Hand des Menschen liegt. Ist
es ganz allein Gottes Gnadenwerk (einschließlich Buße und Glauben),
oder ist es auch das Werk des Menschen?
Liegt der Ursprung unseres Heils allein in Gottes souveräner
Gnadenwahl, in seiner freien Willensentscheidung, oder (auch) in
unserer Entscheidung? Ist der Glaube eine Frucht der Erwählung Gottes
oder ist er eine Bedingung für Gottes Erwählung? Liegt die Gewißheit
unseres Heils in Gottes ewigem Erwählungsratschluss (wen Gott erwählt
hat, den bringt er auch zum Ziel) oder in unserer Entscheidung bzw. in
unserem Glauben? Hat der Mensch von Natur die Möglichkeit zur freien
Wahl in den Dingen, die sein Heil betreffen, oder ist er „tot in Sünden
und Übertretungen“ (Eph 2,1), so dass er nicht in der Lage ist, sich
ohne das Werk Gottes an seiner Seele Gott zuzuwenden, weil er nach
Wille, Verstand und Gefühl in all' seinen Neigungen ein bis in sein
tiefstes Wesen hinein unter die Sünde versklavter Feind Gottes ist?
Eines der Haupthindernisse für das gläubige Erfassen des biblischen
Zeugnisses von der ewigen Erwählung ist das menschliche
„Gerechtigkeitsempfinden“. Warum überlässt Gott Menschen ihrer
gerechten Strafe, während er andere aus Gnaden errettet? Warum errettet
er nicht alle Menschen? Auf diese Frage gibt es für uns in dieser Zeit
keine Antwort (5.Mose 29,28). Wir können jedoch absolut sicher sein,
dass das Heilshandeln Gottes sowohl mit seiner Gerechtigkeit als auch
mit seiner Liebe im Einklang steht.
Leider ist es in der Vergangenheit durch Missverständnisse und den
Widerstand gegen die biblische Wahrheit von der Erwählung immer wieder
zu Unruhen und Spaltungen in der Gemeinde Jesu gekommen. Das ist
zutiefst zu beklagen! Sollte doch diese Lehre für den Gläubigen eine
Quelle ständiger Freude und Kraft sein, wie der bekannte Prediger Ch.
Spurgeon, der durch Gottes Gnade unzähligen Menschen durch seinen
Verkündigungsdienst zum Segen geworden ist, einmal geäußert hat:
„Die Lehre von der Erwählung ist eine harte, harte Lehre für einen
Menschen, der kein Interesse daran hat; aber wenn ein Mensch erst
einmal Anteil daran hat, dann ist sie ihm gleich einem Felsen in der
Wüste; ihr entströmen erfrischende Wasser, davon Myriaden trinken
können, so dass sie nie wieder dürsten.“
Bemerkenswert ist das Zeugnis von Georg Müller, dem „Vater der
Waisenkinder“ in Bristol (England). Er, der das Werkzeug sein durfte,
tausende von Waisenkindern zu versorgen, indem er alles dazu Nötige im
Vertrauen auf Gottes Verheißungen von Gott erbat, schreibt zum Thema
Erwählung folgendes:
„ ......Vor dieser Zeit hatte ich mich sehr gegen die Lehre der
Erwählung und der bis zum Ende bewahrenden Gnade gewehrt – so sehr,
dass ich noch wenige Tage nach meiner Ankunft in Teignmouth die
Erwählung eine teuflische Lehre genannt habe. Aber nun wurde ich dahin
geführt, diese kostbaren Wahrheiten durch das Wort Gottes zu
untersuchen. Ich las das Neue Testament von Anfang an durch und achtete
besonders auf alles, was mit diesen Lehren zu tun hatte. Zu meinem
großen Erstaunen fand ich, dass jene Stellen, die über Erwählung und
Bewahrung reden, etwa viermal so häufig sind wie jene, die scheinbar
gegen diese Wahrheiten reden. Und wenig später, als ich auch diese
Stellen näher untersucht und verstanden hatte, halfen auch sie mir in
der Bestätigung dieser beiden Lehren.“
So wollen auch wir mit dem Liederdichter bezeugen:
„Hätt'st du dich nicht zuerst an mich gehangen, ich wär von selbst dich
wohl nicht suchen gangen; du suchtest mich und nahmst mich voll
Erbarmen / in deine Arme.
Nun dank' ich dir vom Grunde meiner Seelen, dass du nach deinem ewigen
Erwählen / auch mich zu deiner Kreuzgemeinde brachtest / und selig
machtest.“ (Aus: „Ach mein Herr Jesu, wenn ich...“)
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